WOHIN DIE NACHT DICH FÜHRT

- INHALT - 01 - Eine letzte Chance 02 - Das Haus der Wahrheit 03 - Das Jetzt und das Nichts 04 - Wenn die Nacht stirbt 05 - Hell's Kitchen 06 - Sally 07 - Letzter Wille 08 - Das Vermächtnis 09 - Wenn die Sonne alles auslöscht 10 - Wohin die Nacht dich führt

Eine letzte Chance

Hier bin ich, mitten in der Nacht, direkt im Herzen der Machtlosigkeit einer Welt, die nach und nach, mit jedem Atemzug, im Chaos versinkt. Hier wandere ich den Highway entlang. Meist sieht mich niemand, warum auch, ich bin nur ein Wanderer, ein Verlorener, genau wie alle, die diesen Weg gehen. Während am Horizont die Wolken gleich einem Wolfsrudel die Nacht hetzen, kommt der Scheinwerfer aus dem schwarzen Nichts der Mitternacht. Er schneidet durch die Einsamkeit, wie ein Säbel, der sich in den Hals eines Samurais bohrt, im Kampf fällt er und dann stirbt er. Heute mochte es passieren. Es war Zeit zu gehen und ich hatte eh nichts mehr was mich hier noch hielt. Ich wusste jede Nacht kamen diesen Leichenwagen; ein schwarzer Laster, die Scheinwerfer heiße Raubtieraugen, die ihre Opfer fixierten. Heute würde ich auf diesen Totenkarren steigen. Es war Zeit zu gehen, ich konnte es nicht mehr weiter hinauszögern. Der aufkommende Windstoß blies mir seinen kalten Atem ins Gesicht, biss in meine Augen und machte mir klar, wie nah der Winter war. Das Donnern des Motors erfüllte mich für einen Moment, als er neben mir der Lastzug zum Stehen kam. Im Führerhaus herrschte genauso Dunkelheit, wie unter dem Fahrzeug. Niemand würde eine Tür aufstoßen, keiner mochte mich willkommenheißen, denn es war ein Geisterzug und diese letzte Reise trat man nicht so freiwillig an, wie man eigentlich glaubte. Doch ich hatte mich entschieden. Ich ging an der Seite des Hängers entlang. Er war schwarz, eintönig und unauffällig. Ich hatte auf meiner Reise viele solche Leichenzüge gesichtet. Sie frequentierten die Highways mit tödlicher Regelmäßigkeit und es erschreckte mich anfangs, dass Niemand scheinbar davon Notiz nahm. Aber das war auch noch vor all dem Krieg gewesen, der des Nachts in dieser Welt tobte. Ich hatte nicht gewusst, wie es um dieses Reich stand, in dem wir täglich unserem sinnlosen Alltag folgen, wie tausend Schäfchen, die von einer Weide zur anderen getrieben werden. Aber als ich dann vor einigen Jahren Zeuge dieser Schattenwelt wurde, hatte sich alles geändert. Das dumpfe Brummen des Motors im Leerlauf wirkte weder bedrohlich, noch gewöhnlich. Irgendwie konnte ich das Blut riechen, zwischen all den Ritzen, auf dem Metal und unter den Rädern. Denn, so hatte ich selbst gesehen, diese Laster waren tödliche Maschinen, die mit Flüchtlingen kurzen Prozess machten, sie überrollten, Todesschreie aus ihnen herauspressten, wenn sie gegen den heißen Kühlergrill geschmettert wurden und unter den Rädern den Tod fanden. Das kam vor. Es war der Lauf der Dinge und es gab immer wieder Menschen, die sich nicht an die Regeln hielten. Wenn Deine Zeit kam, musstest Du gehen. Daran konnte niemand etwas ändern und die Welt, sie war nicht mehr unter dem Schutz von Engeln oder Göttern. Nicht, dass ich dies je geglaubt hätte, aber so musste es gewesen sein. Wer sonst hatte diese Laster all die Jahrzehnte von den Highways ferngehalten? Es musste so was wie eine weiße Bewegung geben, die die Menschen vor den schwarzen Jägern schützten. Jedenfalls hatte mir das einer bei einem Bier mal berichtet, irgendwo in Texas an einer Raststätte, während die Sonne zum Fenster herein brannte. Es war ein stählerner Container und als ich direkt vor den Türen stand, wirkten sie so riesig, wie zwei große Mäuler. Ich vernahm ein Zischen und die Türen entsicherten sich. Dann war es an mir, hinaufzuklettern und in den Container zu steigen. Ich sah mich um. Hinter mir die Dunkelheit, der Wind kam jetzt von Westen und vor mir, diese Türen. Was wollte ich wirklich und warum ließ ich all das geschehen? Hatte ich denn nichts verstanden? Wusste ich nicht, dass dies die letzten Minuten in meinem Leben waren? Erinnerungen kamen zurück. Da war das Lächeln meiner Frau, als ich ihr sagte dass ich sie liebte. Im nächsten Augenblick jedoch, der Revolver in meinen Händen, der Abzug kalt am Finger und dann der Schuss; diese Wut tief in meinem Bauch. Da waren Spielschulden, verpasste Gelegenheiten, verhasste Menschen, die mich dort in dem kleinen Dorf einfach allein gelassen hatten. Meine Tochter, die mich nicht sehen wollte, die Steuerfahndung, das FBI, ein Leben am Abgrund, einfach nur, weil nichts so war, wie ich es mir erträumt hatte. Mein zu Hause war der Highway. Einen Landstreicher nannte man mich dort, anderswo einen Verbrecher. Aber in dieser Welt, jeder tut was er kann, ist das Leben nicht einfach nur eine gerade Straße ins Nirgendwo, es gibt unendlich viele Verzweigungen, doch ich selbst hatte immer wieder nur Sackgassen gefunden, alles verloren und dennoch nichts gelernt. Und doch, der Wind in meinen Haaren hieß Freiheit, die Tür vor mir bedeutete Dunkelheit und das Ende. Eine Stimme in mir erwachte, nicht zum ersten Mal, aber jetzt viel deutlicher: Kämpf! Als der Revolver diese eine Kugel ausspuckte und den Typen erwischte, der sich an meiner Frau verging in dem kleinen Cafe, war ich da ein Mörder oder Befreier? Sie sagte, sie liebte mich und vor dem Richter hieß es, dies wäre die Tat eines eifersüchtigen Mannes, dessen Hass ihn nicht benebelt, sondern eben dazu befähigt hatte, einem Menschen das Leben zu nehmen, der seine Steuern zahlte, der in der Army gedient hatte und ein ehrlicher Amerikaner war. Ich war der Mörder, aber dass dieser Kerl Sally geschlagen hatte, daran war wohl auch ich schuld? Irgendwo vielleicht schon, gestand ich mir in diesem Moment ein, als die Bremslichter kurz flackerten. Ich hätte sie nach dem Streit nicht fortschicken sollen. Ach das Leben, es war ein einziges Chaos, als ob man die Seiten aus einem Buch riss und danach nur die Fetzen miteinander kombinierte. Nichts passte zusammen, alles wirkte zerschlissen, billig und war es nicht wert sich zu erinnern. Als ich hinaufstieg und in die Schwärze zwischen den Türen blickte hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir. „Moment…“ So stand ich zwischen den Türen, konnte mich nicht herum drehen und während der Wind erneut an meinen Kleidern riss, ich den Staub der Straße zwischen den Lippen zu schmecken glaubte, hörte ich, wie dieser Fremde mich zum ersten Mal in meinem Leben verstand. „Du hast Sally geliebt…“ Ich nickte. „Aber Du wusstest nicht, was sie ist oder besser, was mit ihr ist.“ Ich konnte nur ahnen was er meinte und dennoch, was machte das jetzt noch für einen Unterschied? „Damals, habe ich ihr gesagt, es kann nicht Liebe sein. Nicht so schnell. Nicht nach einer Nacht. Ich ließ sie gehen und nun, sehe ich was aus Dir geworden ist, David. Ein Nichts. Ist das Ihre Schuld oder Deine?“ Ich wusste nichts zu sagen. „Sally ist nicht wegen Dir gestorben. Sie ist geholt worden … Verstehst Du das?“ Die Erinnerung riss an meinem Herzen, ich schluckte und brachte ein verkrustetes „Nein.“ heraus. „Und jetzt willst Du einfach gehen? Warum?“ „Was hab ich noch?“, spuckte ich. Genau, was blieb mir noch. Meine Frau verloren, meine Tochter verschwunden, mein Sohn den Drogen erlegen, meine Welt unterjocht von Monstern, Wesen, die niemand sah. Die Welt war so voller Gefahren. Es waren nicht nur diese Lastzüge mit ihrer Leichenfracht, es war einfach das Sterben von Erinnerungen, Träumen, von Leben in dieser Welt. Ich verstand was er meinte. Sally war von dieser dunklen Seite, sie hatte ihr Leben für meins gegeben, damals und ich hatte es verschenkt. „Der Typ, den ich umbrachte, er hat sie geholt. Ich hatte keine Chance gehabt!“, schrie ich plötzlich und sprang hinab. Die Türen donnerten ins Schloss, der Motor des Trucks röhrte und dann wirbelte der Dreck um mich, als der Kies unter den Rädern hervorspritzte und Augenblicke später war ich nur noch allein mit dem Wind und diesem seltsamen Fremden. Er stand vor einem roten Ford Mustang. Er wirkte wie aus einem der alten Filme, aus der Zeit des Rock n Roll, als die Welt noch einfach war, zumindest glaubte ich das. „Gut.“, sagte er nur. Dann drehte er sich von mir weg und stieg zur Fahrerseite ein. Die Scheinwerfer blitzten auf, doch den Motor warf er nicht an. Er winkte mir zu, als ich mich nicht bewegte. Bedeutete mir einzusteigen. Was hatte ich zu verlieren? Er hatte mich doch eben gerade vor dem letzten Schritt ins Nichts bewahrt. Ich nahm neben ihm Platz. Das Leder roch angenehm und machte diese typischen Geräusche, als sich mein Körpergewicht auf dem Polster verlagerte. Im Radio spielte leise Musik, Gitarrensound, den ich zwar keiner Band zuordnen konnte, der aber ein Gefühl der Heimkehr herauf beschwor. „Woher kennst Du Sally?“, fragte ich. „Ich bin ihr Bruder.“, erklärte er. Dem auf den Fersen: “Es ist nicht Deine Schuld, dass es so kommen musste. Der einzige der Schuld hat bin ich und jetzt ist es an der Zeit einige Sachen wieder gerade zu biegen. Ich kann das nicht allein. Ich brauche Dich dazu. Du wirst nicht alles verstehen, aber es ist wichtig, dass Du mir glaubst, wenn ich sage, auch wenn Sally einer von denen war, die Blut an ihren Fingern haben, war sie kein Monster! Sie konnte nichts dafür.“ Ich wusste nichts zu sagen. Er schien sich nicht sicher zu sein, ob das was er hier tat auch das Richtige war, aber dann drehte er ruckartig den Schlüssel, die Maschine röhrte und Augenblicke später rauschte die Nacht am Fenster vorbei. Der Highway ein graues Band im finsteren Nichts der Nacht, der Horizont leer und schwarzgebrannt. Zwischen uns Beiden nur der Klang der Musik. So ging es Meile für Meile, ohne erkennbares Ziel den Highway entlang. Ich war nicht mehr in der Lage zu sagen, ob nach Westen oder Osten. Wohin die Nacht dich führt (Folge 1/10) (2007) - mnebeling.blogspot.com

Das Haus der Wahrheit

Irgendwann musste ich eingenickt sein, denn als ich die Augen öffnete war ich allein in dem roten Ford. Die Musik war ebenfalls verschwunden und da war nur das Säuseln des Windes von draußen, der flüsterte und seine wehleidige Melodie ertönen ließ. Draußen warf eine Laterne fahles Licht, ließ Schatten über die Motorhaube kriechen und ich konnte das Haus, vom Licht geblendet, nur schemenhaft ausmachen. Bis auf das Licht am oberen Fenster, schien es ein dunkles, schwarzes Gemäuer zu sein. Ich stieß die Tür auf und stieg aus. Der Wind war nun nicht mehr lau, sondern packte an meinen Haaren mit wütender Kraft. Die Nacht hatte sich in ein heulendes Schattenmeer verwandelt. Kiessteine tanzten auf dem Asphalt des Highways, irgendwo kratzte eine Bierdose oder etwas Ähnliches über den Beton. Ich wollte am liebsten einfach eine Zigarette anstecken, oder auf der Fahrerseite hinter das Lenkrad springen und davonrasen. Denn aus dem Haus hörte ich mit einem Mal diese Schreie. Jedoch dieser Fremde, wo war er? Ich konnte nicht eher hier verschwinden, bis ich nicht wusste, was mit ihm geschah. Wenn er dort in diesem Haus schrie, dann war es an mir, ihm zu helfen. Er hatte mich vor dem Tod bewahrt und er war der Einzige, der mich verstand, der zu wissen schien, wie diese Welt sich verändert hatte, wie mein Leben anders geworden war mit jedem Tag, jeder Nacht. Er hatte mich nicht verurteilt, sondern verstanden. Ein unsicherer Blick folgte dem nächsten. Ich versuchte ein klareres Bild dieses Hauses zu kriegen, aber es war ein düsteres Gebilde voller Schatten und wirkte alt, verrottet. Als die Laterne in meinem Rücken war und die Schatten mir vorauseilten, konnte ich nur eines sicher sagen. Dieses Haus war ein unheiliger Platz. Was dort drinnen passierte, wollte ich nicht wissen und dennoch, die Verantwortung, die ich nicht abschütteln konnte, ließ mich auf die Tür zuschreiten. Die Schreie verwoben sich mit dem Heulen des Windes. Ein Klagelied dieser verlorenen Welt. Die Tür, ein schwarzer Rahmen, war verschlossen. Der blecherne Türknauf ließ sich nicht bewegen und so hämmerte ich gegen das Holz, aber es half nichts. Ich trat einige Schritte zurück und sah zum Fenster hinauf, wo noch immer Licht glomm. Die Stimmen und der Wind umtanzten mich und dann merkte ich, tief in mir regte sich die Erinnerung an Sally, an ihre weinroten Lippen, an die schwarzen Augen, diese Opale der Nacht und an ihre Stimme, die mich damals so faszinierte. In jener Nacht, als sie unter mir lag und wir einander Liebesworte zuflüsterten, hatte ich eine andere Welt erhofft. Nicht diese vom Wind geschundene Welt des Hasses der Menschen und jetzt, was war ich jetzt? Einer von ihnen, oder gehörte ich schon zu dieser anderen Seite der Welt, der dunklen, der blutigen, die den Menschen Angst einflößte? Was war aus mir geworden? In dieser einen Nacht war unser Mädchen entstanden, das war sicher. Doch es folgten noch viele andere Nächte, später, als ich entdeckte, Sally war nicht an meiner Seite, sie war dort draußen in der Finsternis, allein. Anfangs hatte ich es einfach geschehen lassen, nichts gesagt, nichts dabei gedacht. Ich wusste ja, die Anderem aus dem Dorf nannten sie eine Hexe, sagten Dinge hinter vorgehaltener Hand und warfen uns, wenn wir zusammen die Straße entlang gingen, hasserfüllte Blicke zu. Zuerst dachte ich, es war eben für diese Dörfler nicht zu verstehen, wie einer von ihnen solch eine Frau finden konnte. Aber da waren andere Sachen im Spiel. Ich wusste nicht zu sagen woher Sally kam, hatte sie ja nur durch Zufall kennen gelernt, als sie aus dem Hotel gestürmt war, des Nachts, mir fast vor den Wagen sprang. Ich konnte mich wieder genau erinnern, ihre wehendes Haar, die weit aufgerissenen Augen in meinen Scheinwerfern und das Kreischen, als die Bremsen über den Asphalt Gummi von den Rädern frästen. Ich sprang aus dem Wagen, sie war zu Boden gegangen, lag dort und weinte. Ich hatte nicht gewusst warum, aber ich fühlte in diesem Augenblick ihre Trauer und als ich sie in den Arm nahm, geschah es ganz einfach, dass ich sie auf die Stirn küsste und versuchte sie zu beruhigen. Jetzt jedoch spürte ich keine Trauer, sondern Wut. Ich hasste mich! In all den Jahren hatte ich nicht verstanden, was aus mir geworden war, als Sally nicht bei mir war, als ich im Gefängnis nachts gegen die kahle Wand meine Trauer kreischte und versuchte zu verstehen, was einfach nicht zu verstehen ist. Mein Leben war zersprungen wie ein Spiegel und jedes Mal wenn ich einen neuen Splitter davon fand, war ich entsetzt, was aus mir geworden war. Damals, als ich sie in den Armen hielt, hatte ich nicht wissen können, dass sie mein Schicksal war. Nun aber konnte ich es nicht leugnen. Wir hatten einander gebraucht. Doch die Klagelaute ließen die Erinnerungen in einem wilden Regen zerfließen und ich stellte mich dem Jetzt. Ich suchte nach einem zweiten Eingang. Die Schatten waren tief, das alte Haus war zu den Seiten von Brombersträuchern umrankt und erinnerte mich ein wenig an Psycho. Der Kies unter meinen Schuhen knirschte wie tausend Glasscherben. Wie viele Steine mochte es brauchen, bis ich dieses Fenster dort oben in Scherben geschossen hatte? Ich hielt inne, als mir klar wurde, nicht der Wind heulte, er griff nur nach meinen Haaren, wie ein wilder Geist, sondern aus dem Haus kamen weder Schreie noch Stimmen, es waren seltsame Lieder, Melodien, so verrückt, dass ich nicht fähig war, ihnen länger zu folgen. Und dann geschah es, die Tür schlug im Wind, gegen den Türrahmen, wie ein riesiger fauler Zahn, der nur noch dank der verfaulten Wurzel im Gebiss sitzt. Ein weißes Licht glühte mich an und ich konnte nicht anders, als auf die Tür zuzugehen, die Arme vor dem Gesicht. In meinem Hirn stürmten plötzlich tausend Geigen ein wildes Intermezzo aus Schreien, Instrumente deren Klang das Leid der Geschundenen symbolisierte, deren Musik durch mich pulsierte. Dann befand ich mich ganz im Weiß. Ein unsichtbares Etwas, dass mich umgab, mich verschluckte und ich hoffte, dies war nicht schlimmer als der Leichenzug, dem ich entkommen war. Meine Augen schmerzten, überall nur diese heißen Strahlen, diese unglaubliche Wärme, die durch meine Glieder strömte, meine Adern scheinbar zersprengte und die Wut, die wie ein heißes Eisen brannte. Ich sah Gesichter, Erinnerungen mochten es gewesen sein, Schreie auf unzähligen Mündern, Blut zwischen den Lippen, Augen leblos, kalt und verloren, sah mich dort stehen im Nichts, den Revolver, ein silbernes Glitzern in meinen Händen und dann Stille, für den Augenblick, da die Kugel, dessen Mündungsfeuer die Erinnerung durch mein Bewusstsein schleuderte und aus der Erinnerung ein fürchterliches Jetzt, ein Bild der ungeschminkten Wahrheit wurde, die ich all die Jahre verdrängt hatte. Ein Schattenzimmer, tausend Staubflocken auf dem Boden, die Barstühle auf den Tischen und dort hinten an der Theke liegt die Frau mit den schwarzen Opalaugen, auf ihren Lippen das Blut, rot, feucht und voller Kraft. Ihr Stöhnen, laut, heiß, voller Lust und von heißer Lebensenergie berauscht. Die Brüste hohe Kuppeln, die Nippel rote Knospen in der Nacht. Zu ihren Füßen der leblose Körper, ein Mensch im Nadelstreifenanzug, leblos, weggeworfen, geleert und entwürdigt. Ich sehe all dies durch das Fenster, während die Kälte zu meinem Herz vordringt, und in mir die Liebe erstarrt, das Entsetzen um meine Fassung kämpft und ich fast zusammenbreche. In jener Nacht hatte ich Sallys andere Seite entdeckt. Was mich jedoch erschreckte, war die Macht, die dort in ihr wie eine Blume ihre Schönheit so berauschend, in so grellen, roten Farben zeichnete und das Leben als den Akt aus Tod und Liebe definierte. In diesen Augenblicken, als meine ungläubigen Augen all das dort betrachteten, verlor ich meinen Bezug zur Welt, entdeckte das wirkliche, aufstrebende Reich der Dunkelheit. Eine Welt voller Schatten und Blut, voller Lust und Unvernunft, ohne Regeln und erfüllt von Hass und Gewalt. Doch was unterschied dies von unserer Welt? Plötzlich war das Heulen von tausend Seelen um mich, als das Weiß mich wieder in der Dunkelheit zurückließ. Ich zitterte, Speichel tropfte aus meinem Mund. Ich lag auf den kalten Holzdielen in einem Haus, irgendwo am Highway, während in meinem Herz die Angst pochte und die Erinnerung mir den Atem in ein hustendes Röcheln zerschnitt. Schweiß hing mir auf der Stirn und der Schmerz war ein dumpfes Pochen, in den Gliedern. Starb ich hier, jetzt wo ich die Wahrheit wieder entdeckt hatte? Ich verstand nichts und dennoch, tief in mir, gab es ein unheiliges Königreich der verdrängten Erinnerungen, wo nun in dem Schloss all die Tore aufbrachen und Erinnerungen wie unruhige Geister die Gänge entlang huschten. Wohin die Nacht dich führt (Folge 2/10) (2007) - mnebeling.blogspot.com

Das Jetzt und das Nichts

Es war wie ein Traum, das Erwachen, tief im Herzen dieses Hauses. Die Wände, die meine Augen fanden, waren kahl und blutbeschmiert. Worte die ich nicht ausmachen konnte, die Buchstaben zu verzerrt, aber ich spürte die Wut, den Wahnsinn. Ich lauschte nach den Stimmen, nach jenem Klagelied, aber da war nichts, nur Stille, abgesehen von meinem eigenen Atem. Es war ein leeres Zimmer, nur das Bett, in dem ich lag. Keine Fenster. Auf dem Holznachttisch brannte eine Kerze, und dennoch konnte das wenige Licht nicht mehr für mich bedeuten, als ein kleiner Funken Hoffnung. Wer auch immer dieser Fremde war, dieses Haus, zu dem er mich geführt hatte, es machte mich krank, nahm mir die Sinne, schüchterte mich ein und ließ mich jeglichen Glauben verlieren, den ich noch irgendwo in mir besaß. Doch um was trauerte ich da? Hatte ich nicht erst vor kurzem mit dem Leben abgeschlossen und nun war ich hier? Die Worte an den Wänden, das Leid dort auf weißen Kalk gespritzt, immer wieder zog es meine Blicke an. Ich konnte das Wort Hass ausmachen, oder war das nur eine Täuschung? Vielleicht bedeutete es auch „Sterben ist der letzte Wunsch. Hass ist der Anfang, mein Leben ist verloren, alles ist Jetzt und das Nichts folgt mir in meine Träume.“ Ich hatte diese Gedanken laut gekrächzt und mit einem Mal, sprang ich vom Bett. Ich war nackt, stand dort in dem Zimmer, die kalten Holzdielen unter meinen Füßen. Aber die Wut, geschürt von nahenden Erinnerungen machte mich wild. Ich lehnte an der Wand, starrte auf diese Blutgebildete und stotterte vor mich hin: „Zuerst habí ich sie geliebt. Dann jedoch, als ich entdeckte was sie war, habe ich sie gejagt. Ja ich wollte sie töten, wollte mit dem Revolver, den silbernen Kugeln sie von jener Gier nach Blut befreien.“ Ich rang nach Atmen, zu erschreckt von der Wahrheit. „Ich habe sie geliebt.“ Das war der Moment wo plötzlich sich alles zu drehen schien, als die Kerze verlosch, plötzlich Augen vor den Meinen waren. Etwas mit mir in dem Raum sich drehte, fauchte, nach mir griff, an meiner Haut riss, mich auf das Bett warf und ein tiefes Grauen mir durch die Glieder schoss. Im Jetzt: Ich sah mich dort draußen im Auto sitzen und reden mit einem Fremden über die Frau die ich liebte. Im Nichts: Tausend Fragen und Lügen, die mein Leben nach dem Mord bestimmten. Wieder im Jetzt, das Monster über mir, der heiße Atem, der mir entgegen kam, roch nach Blut, Lust und Verderben. „Sie hat Dich geliebt, sie hat es wirklich!“ Der Fremde? War ich mit diesem Fremden hier im Zimmer, war dieses Ding der Kerl mit dem Ford Mustang. Aus dem Nichts: Zwei Schüsse, der Revolver in meinen Händen, als die Kugel Sally traf, ihr Blick mich ausmachte. Hatte ich vorher noch am Fenster ihrer Lust gefrönt, von ihrer Macht betäubt, von ihrer tödlichen Schönheit entsetzt, stand ich nun wenige Schritte von ihr entfernt, hatte auf sie geschossen. Doch nur das Tier in ihr erwachen lassen! „Du hast sie nicht getötet! Du hast sie zu einer ruhelosen Seele gemacht!“ Dieses Mal war es kaum eine Stimme, sondern ein donnernder Wind. Ich spürte, etwas Entsetzliches war direkt vor mir. Wut brodelte mir entgegen, die Worte waren wie ein Peitschenhieb. Dann die Krallen an meinem Körper, bis Blut floss und ich wimmerte. Im Jetzt brach ich auf dem Bett zusammen. Was auch immer hier mit mir geschah, ich war in ein unheiliges Ritual verwickelt. Ich wimmerte, während das Blut aus den Wunden quoll. Aber das Ding, es war fort. Die Fragen und der Schmerz blieben… Wohin die Nacht dich führt (Folge 3/10) (2007) - mnebeling.blogspot.com

Wenn die Nacht stirbt

„David..“ Mein Name, der mich aus der Dunkelheit zurück ins Land der Schmerzen zog. Immer wieder. Es gab kein Vergessen, kein Ruhen. Ich hatte mich entschieden und nun ging es immer weiter, ob ich wollte oder nicht. Mein Körper war geschunden, die Erinnerung ein Nebel, der mich ersticken ließ. Ich hatte genug Angst gekostet, ich wollte nicht mehr. Ich warf den Kopf hin und her. „Nein, nein, NEIN!“ Doch der Fremde gab nicht auf. „David… Wir müssen weiter. Die Zeit, sie läuft uns davon. Komm zurück!“ Ich wollte die Augen nicht öffnen, doch es geschah auch so. Zuerst sah ich die Kalkwand, das Blut war noch immer nicht zu leugnen. Ich war noch immer in diesem Haus, dem Haus der Wahrheit. „Wenn die Nach stirbt, wird auch Sally verloren sein.“, hauchte er mir ins Ohr. Es war, als ob tausend Volt durch mich zuckten. Die Augen schmerzten, die Ohren waren erfüllt von Schmerzensschreien, die Nase roch den Schweiß, das Blut… „Sally…“, stöhnte ich. Vor meinen Augen verschwamm die Welt und nach und nach wurde mir klar, ich war gefangen in einem Traum, bis ich erwachte. Ich spürte das Rütteln und als ich endlich wirklich die Augen aufriss, aus dem Nichts hinauf ins Jetzt tauchte, befand ich mich auf der Rückbank des Ford Mustangs. Dem Blutgeruch und der Angst wich der Lederduft. Das Schreien in meinen Ohren verklang, wurde vom sanften Gitarrensound aufgesogen. Ich atmete langsam. Als ich an mir herunter sah, das zerfetzte T-Shirt erblickte, ließ ich den Kopf nach hinten fallen und schrie. Auf dem Fahrersitz hatte sich der Fremde nach hinten gebeugt und lächelte. „Ich denke du bist wieder da.“ Sein Lächeln wirkte unsicher. Auch wenn ich nicht im Geringsten irgendetwas in mir spürte, die Leere mich fast auffraß, versuchte ich zu nicken. Der Motor röhrte los. In meinem Gehirn spukten die Geister der vergangenen Nacht. Die Welt war in Grautöne getaucht. Die Nacht begann zu verblassen. „Wie …“ Ich hustete. „Wie lange noch?“ „Ich beeile mich!“, sagte er nur. Das Raunen des Motors wurde bulliger. Er gab ordentlich Gas. Ich stützte mich auf, versuchte aus dem Fenster zu blicken. Der Wind hatte die Wolken zerrissen, das Schwarz der Nacht ausgeblichen. Der Morgen würde bald die Welt in Rot tauchen. Ich setzte mich auf, fuhr verschlafen durch mein Haar. Die Schmerzen von der Brust, wo die Narben mich nicht vergessen ließen, dass die Erfahrung im haus Wirklichkeit gewesen war, machten das Atmen und denken zur Qual. Aber Sally brauchte mich. „Wohin fahren wir?“, fragte ich nach einer Weile. Er sagt nichts, konzentrierte sich nur auf die Straße, obwohl es da nicht viel gab, worauf man achten musste. Ein langes, graues Band, das durch die Welt schnitt. Die Welt war so einsam. Wir alle hatten uns voneinander entfernt, wir alle verloren einander. Ich spürte die Tränen auf meinen Wangen, aber ich hatte nicht den Mut, sie wegzuwischen. Vielleicht konnte ich so endlich verstehen, was ich tat. „Es gibt ein Hotel. Besser gesagt, es war eins. Dort werden wir sie finden. Dort hat alles angefangen.“ Ich verstand nicht. „Angefangen?“ „Glaubst du denn, David, sie war schon immer einer von der dunklen Seite?“ Ich musste darüber nachdenken. Ich wusste nicht, was ich überhaupt von Sally dachte. Ich hatte sie geliebt, das hatte nichts mit Denken zu tun, das war in mir, da konnte ich nicht wählen oder drüber entscheiden. Es geschah, so wie ich jetzt in diesem Auto saß, weil ich sie retten wollte. Es gab keine Wahl, alles passierte einfach. „Ich weiß nicht…“, sagte ich. So starrten wir hinaus auf den Highway. Die Welt erwachte aus der Dunkelheit. Ich konnte es spüren. In mir regte sich der Wunsch zu erwachen, aber war das nicht schon mein ganzes Leben lang so gewesen? War dies nicht der Grund, warum ich mich in Sally verleibt hatte, dort in der Nacht, als sie vor mir lag, die Scheinwerfer im Gesicht und ich in ihren Opalaugen versank? „Du weißt meinen Namen, aber ich-„ „Dawn. Man nennt mich Dawn.“ Er suchte mich im Rückspiegel, lächelte und wieder war ich mir nicht sicher, was dieses Lächeln bedeutete. Mitleid? Freude? Angst, die sich als ein Lächeln verkleidete? Der Name schon allein mochte eine Lüge sein, vielleicht war das alles hier nur ein verrücktes Spiel? „Erzähl mir von Sally. Von deiner Schwester. Wieso ist sie das geworden…“ Ich suchte nach Worten, „So ein Biest?“ Für den Bruchteil einer Sekunde, sah ich sie wieder auf der Theke, die Definition aus Lust, Tod und Sünde. Er lachte. „Willst du das wirklich wissen?“ „Ja!“ Was sollte dieses Spiel? Ich beugte mich vor, und sah ihn fragend an. Er beschleunigte mehr und mehr. Er lächelte, er sagt nichts mehr. Die schwindende Nacht mochte ihn antreiben oder er war wütend auf mich. Es kümmerte mich nicht. „Ich will es wissen, verdammt noch mal. Ich will sie retten, aber ich verstehe gar nichts. Was war in diesem Haus? Warst Du das? Was geschieht mit mir, was wird aus uns?“ Wen meinte ich mit uns? Die Menschen, oder mich und Sally? Er schaltete höher. „Lass mich dir was zeigen, dann gibtís auch Antworten.“ Der Motor dröhnte, Kraft und Geschwindigkeit verbanden sich. Dawn drehte die Musik lauter. Ich erkannte es und musste lächeln. Highway to Hell, alte Zeiten, Freiheit. Aber irgendwie war mir nicht nach Raserei auf dem Highway zu Mute. Ich wollte Antworten, jetzt! „Verdammt!“, fluchte ich und schlug auf den Sitz. Immer wieder. Ich rastete richtig aus. Es änderte nichts. Wir donnerten den Highway entlang, flohen vor dem kommenden Morgen. Später kletterte ich nach vorn, auf den Beifahrersitz. Ich stierte hinaus. Es gab keine Worte zwischen uns. Ich wartete, gab ihm Zeit, sein Versprechen einzulösen. Schließlich wurde die Einöde unerträglich und ich schlief ein. Vielleicht hatte er darauf gewartet. Es war ein ruhiger Schlaf, Dunkelheit, Wärme und das Gefühl ich selbst zu sein, ließen mich diese Zeit genießen. Nach und nach wurde ich mir bewusst, dass es kein echter Schlaf war. Es war zu realistisch. Die Dunkelheit fast fassbar, als sei sie ein großes Leinentuch auf meinem Gesicht. Schwarz, wie aus einem Sarg. Ich spürte die Wärme dort, wo mein Herz schlug, Plötzlich umhüllte mich feiner Rosenduft. Es war nicht synthetisch wie ein Parfüm, es war so was wie Liebe, wie die reine Lebenslust. „Wenn die Nacht stirbt“, holte er mich aus dem seltsamen Schlaf zurück, „stirbt auch Sally.“ Eine halbe Stunde später erreichten wir das Hotel. Wohin die Nacht dich führt (Folge 4/10) (2007) - mnebeling.blogspot.com
Fortsetzung folgt: HELL'S KITCHEN
Ihre Stimme für Wohin die Nacht Dich führt
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Samstag, 24. Juni 2017
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Wohin die Nacht Dich führt
Fortsetzung von "Wohin Dein Herz Dich führt"
Kategorie: Serie
Erstellt von: Badfinger
Veröffentlicht am: 22.09.2004 23:41
Geändert am: 20.05.2007 02:58
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Seit 25.10.2011
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Kommentare (1)
16.03.2005 23:43 Badfinger:Nach Constantine, habe ich nun wieder Geschmack gefunden an solchen Themen und werde demnächst wieder hier weiter schreiben, bzw. Neues posten...