UNTER VERDACHT

Der Raum war trist und wirkte gar nicht wie das Büro eines Polizisten. Anders als man es sich vorstellte war hier Ordnung und Sauberkeit in allen Winkeln des Zimmers vorzufinden. Keine Pizzaschachtel, keine Boritos oder sonstige Lebensmittel die von der harten Arbeit eines Polizisten künden würden. Zumindest wurde ihr dadurch klar, das dies wohl das Ende war und ihre Hoffung auf einen schlechten Traum verflog, als sie auf der anderen Seite des Schreibtisches Platz nahm und er sie mit seinen kalten, blauen Augen abschätzte. Es war ein bohrender Blick, er schien noch nicht viel von ihr zu wissen, aber nichtsdestotrotz schürfte er Schuld in ihr. "Sie wissen das Sie unter Mordverdacht stehen? Ich brauch das ja nicht weiter auszuführen, Ihnen ist ja klar, das ich nicht locker lassen werde." Sie nickte: "Ja, das ist mir durchaus bewusst." Ein Seufzer entwich ihr, alles war so schrecklich kalt hier. Es war ein kalter Septembermorgen und in der Nacht hatte ein starker Sturm über das Land gefegt, hier und da Dächer abgedeckt, Mäste umgeknickt oder Wälder durch Waldbruch vom Unwetter gezeichnet. "Wann haben Sie ihren Ehemann das letzte Mal gesehen?" Der Polizist schien kein Interesse an Ihren Gefühlen zu haben, für ihn zählten nur Tatsachen, Fragen und Antworten. Sie hatten sie am Morgen etwa einen Kilometer von ihrem Haus draußen im Nachtzeug aufgefunden. Frank fanden sie im Keller, tot und voll Blut. Der örtliche Gerichtsmediziner hatte nur mit dem Kopf geschüttelt. "Ich habe ihn seit einer Woche nicht mehr gesehen ... wir leben getrennt ..." Sie merkte wie ihre Worten stockten und einer schlechten Geschichte gleichkamen. "Darf ich fragen wie es dann dazu kommt, das man sie einen Kilometer vor dem Haus Ihres Ehegatten -" "Er ist nicht mehr mein Ehegatte!" fuhr sie ihn an. "Nun laut Gesetz ist dies nicht richtig, sie sind noch ... ich sollte sagen sie waren verheiratet." Darauf wusste sie nichts zu sagen. Dennoch entging ihr nicht das der Polizist wieder mit seinen kalten Augen sie betrachtete und sie wollte am liebsten davon rennen, hinaus in die Kälte, weg von hier, aus diesem Dorf voller einfältiger Leute, mit ihren Kühen, Schafen und Schweinen. "Hören Sie zu. Ich sage das jetzt nur einmal! Entweder sie schnallen es oder sie werden die Konsequenzen ziehen!" Nun war es eindeutig das er sie verachtete. Seine Stimme war voller Ärger und Wut. Vielleicht hatte er Frank gekannt, den netten Makler von nebenan, mit den blonden Haaren, den sanften Augen und der Aktentasche. Er hatte sie alle in diesem Kaff eingewickelt, sie betrogen und nun war sie hier um seine Rechnungen zu bezahlen. "Sie erzählen mir nun die ganze Geschichte, so wie sie meinen das es sich zugetragen hat und dann werden wir sehen, ob sie weiter unter Verdacht stehen. Ich persönlich bin außer mir vor Wut das jemand so dumm ist ... Wieso haben sie es nicht geschickter angestellt?" Sie war total perplex. Was? Dieser Polizist beschuldigte sie Ihren Ex umgebracht zugleich es nicht richtig gemacht zu haben. Sie sah ihn fragend an. "Ich weiß das Frank nicht das war wofür ihn alle halten und ich weiß das es schwer gewesen sein muss mit ihm unter einem Dach zu leben. Sie müssen wissen, er war mit mir in der gleichen Schule, wir waren zusammen auf dem gleichen College" Jetzt lächelte er sie an, wirkte kurz gedankenverloren um dann hinzuzufügen: "Er hat Ihnen nie von mir erzählt? Hätte mich auch gewundert; er hat mich gehasst und ich ihn dann auch ..." Als es an der Tür klopfte verstummte er. Augenblicklich kehrte der anklagende Blick zurück. "Herein!" Ein junger Mann schlüpfte durch die Tür und schloss sie sogleich hinter sich. Er warf ihr einen netten, freundlichen Blick zu und flüsterte dann zu seinem Chef. Die Uniform war tadellos und auch sonst machte er einen sehr eifrigen Eindruck. Maria merkte das sie über sie sprachen. Dem Flüstern waren keine Worte zu entlocken, aber es war klar worum es ging. Um die Verdächtige, das Gespräch das Tages und für die nächsten Wochen. Sie hatten ihr gestattet sich anzuziehen und einen Mantel überzuziehen. Jetzt fummelte sie die Zigaretten heraus, nur um festzustellen, das sie kein Feuerzeug hatte. Doch wider Erwarten schob Officer Hank ihr ein Feuerzeug zu. Der Aschenbecher war leer und wirkte wie nie benutzt. Fast etwas unangenehm war es ihr vor ihnen zu rauchen, aber sie musste sich fassen. Die beiden Männer flüsterten weiter, bis der Deputy sich ihr zuwand: "Officer Hank möchte Ihnen helfen, Mrs. Robertson. Sagen sie ihm alles was sie wissen ... Ich werde hier alles protokollieren" Officer Hank nickte nur, der kalte Blick war verschwunden. War dies nur eine Taktik um sie gesprächiger zu machen? Doch warum vorher das Zugeständnis, das sie es schwer mit ihrem Mann gehabt haben muss? Sie zuckte mit den Achseln und nickte. "O.k. - Was genau soll ich erzählen, von der Nacht oder alles?" Der Officer und sein Helferlein sahen sich kurz an. "Am besten alles. Es ist sicher wichtig um einen Verdacht zu erhärten .... oder eben zu zerstreuen" Ein gewagtes Lächeln seinerseits lies sie in ihrem Zweifel schmoren. Der Deputy hatte in einer Ecke Platz genommen; an einer Schreibmaschine die so typisch war für dieses Dorf. Eine alte IBM. All diese Farmer mit ihren Tieren, ihren Traktoren und Pick-ups, das Wochenende in der Kneipe, der Schulbus der meist ausfiel. Sie sehnte sich nach einem zu Hause doch mit Frank war sie von diesem Traum soweit entfernt wie noch nie in ihrem Leben gewesen. Immerhin war das nun vorbei. "Also gut." Sie schluckte und dann geschah es fast wie von selbst, das sie ihnen sagte was sie hören wollten. Stunde um Stunde, Kaffeebecher für Kaffeebecher erinnerte sie sich an die Nächte voller Angst. Vor etwa einem halben Jahr war es geschehen. Nach mehr als sieben Jahren Ehe mit einem Mann den sie nicht mehr liebte fand sie den Mut sich scheiden zu lassen. Zumindest war das ihr Plan gewesen. Sie war wie so viele Male allein in dem großen Haus am Waldrand. Draußen ein warmer sonniger Tag und in ihrem Herzen Stürme voll Angst und Ungewissheit. Sie hatte genug und sie musste weg von hier. Zu lange hat er sie hier in diesem goldenen Käfig eingesperrt. Auf dem Küchentisch lag ihr Brief. Wenige Worte voller Schmerz und Enttäuschung: Frank ich kann nicht mehr ... Ich will die Scheidung, weg von Dir. Versuche nicht mich daran zu hindern! Dann war sie hinauf in ihr Schlafzimmer und innerhalb weniger Minuten hatte sie einen Koffer mit ein paar T-Shirts und Jeans und Unterwäsche gefüllt. Die Tränen klebten auf ihren Wangen, der Mund ein Zittern. Ein letztes Mal besah sie sich im Spiegel. Ihre Augen waren rot und verquollen, ihre Lippen zerfranst und die Haare in einem wüsten Durcheinander. Schnell kämmte sie sich und packte noch Zahnputzbecher, Zahnbürste, Waschlappen und Handtücher ein. Als die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel sog sie die Luft tief in sich ein. Sie schloss die Augen. Gedanken nagten an ihrem Entschluss. Würde sie alleine sich zurecht finden? War Frank wirklich so schlecht? Oder sie nur eine schlechte Ehefrau? Wo würde sie nun hingehen? Ein Hotel, eine Herberge? Weg von dieser Stadt? War eben noch der Entschluss ein kaum überwindbarer Drang gewesen, ein regelrechtes Ziehen seitens der Freiheit, die außerhalb ihres Hauses sie verführt hatte, spürte sie nun das Gewicht der Einsamkeit, der Mutlosigkeit und Angst. Der laue Sommernachmittag war nicht mehr geprägt durch milde Lüftchen, durch das Summen der Bienen und Zirpen der Grillen und Vögel. Vielmehr spürte sie nun eine Ekel erregende Hitze, die sich an sie schmiegte, wie die Schuld in Person. In der Einfahrt stand der alte Ford. Das dunkle Blau wirkte alt, ja farblos und grau im Schatten der zwei Fichten, welche die Zufahrt säumten. In ihrer Hand hielt sie noch den Schlüsselbund und fast wie von selbst fanden ihre Finger den Schlüssel, schlossen die Fahrertür auf. Sie platzierte ihren Koffer neben sich auf dem Beifahrersitz. Mit zittrigen Fingern stocherte sie um das Zündschloss herum, nur Augenblicke in denen sie abermals das Gefühl bekam einen großen Fehler zu machen, einem Wunschtraum nachzurennen. "Nein" kratzte es in ihrer Kehle, als sie hart schluckte und der Motor zu einem Brummen anschwoll. Sie fuhr aus der Zufahrt hinaus auf die Landstraße. Fasst erwartete sie ihn gerade in seinem Buick den Asphalt hinauf rauschen zu sehen, doch die Strasse war verlassen. Links oder rechts? Stadt einwärts oder weg von hier? Ihr wurde auf schrecklicher Art und Weise klar, das es noch tausend mehr Entscheidungen gab, die ihrer harrten. Sie fuhr sich durch ihr holzfarbenes Haar und sackte in sich zusammen. Der Ford gluckste und brummte vor sich hin, während sie da in der Ausfahrt stand und mit sich rang. Plötzlich fiepte etwas aufdringlich. Ihre Kopf fuhr auf, die Augen suchten, die Ohren hörten. Es brauchte allerdings einige Augenblicke bis sie das Handy in der Ablage fand. Ein Fingernagel riß, als sie über das Armaturenbrett kratzte und an einem der Schalter für die Klimaanlage hängen blieb. Dann fand sie das Handy in der Ablage. Noch immer quäkend hielt sie es in der Hand. Die Nummer des Anrufers. Es war seine, es konnte nur seine sein. Woher wusste er denn genau das sie jetzt Auto fuhr? Das gelbe Display schien sie zu verhöhnen mit jedem neu schrillenden Klingelton. Es kann einem Lachen gleich. Glaubte sie wirklich das es so einfach wäre? Nur ein Brief, einen Koffer, ein Auto und das was sie am Leibe trug würden ausreichen um ihm zu entkommen? Impulsartig schmiss die das Mobiltelefon aus dem Fenster. Noch immer diese Klingelton. Gott, warum war alles so beständig, das ihr Schmerzen zufügte? Was noch schlimmer war, als dieses Telefon, waren die Erinnerungen die aufflammten in ihr. Sie glaubte Kinder schreien zu hören und für den Brauchteil eines Augenblickes, verschwamm alles: Sie war in dem großen Altherrenhaus, die langen Flure, die Schreie. "Nein" stöhnte sie, und preschte auf die Landstraße. Das Quietschen des Handys verstummte und der Wind strich kalt über ihre Wangen, als der Zeiger des Tacho 75 Meilen die Stunde erreichte. Im Rückspiegel thronte noch ihr Käfig, bis er durch eine Kurve entschwand. Jedoch gab die Windschutzscheibe den Blick auf die ersten Häuser frei. Sie hatte stadteinwärts gewählt. Mit verbissenem Gesicht drosselte sie die Geschwindigkeit. Ihr Herz noch immer ein heißer Klumpen, dessen Schlagen einem Pendel gleichkam. Regelmäßig, schnell und tödlich, wie es ihr schien. Wenigstens war sie aus dem Haus.
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Donnerstag, 19. Oktober 2017
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Erstellt von: Badfinger
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