DIE SCHATTEN VON AMTSVILLE

George Willow mochte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, ob er Richtung Amtsville abgebogen war. Sein Kopf brummte, er hatte Durst und fühlte sich, als wäre er die mehr als 700 Meilen nicht gefahren, sondern gelaufen. Der alte T-Bird, Baujahr 77, duckte sich unter den Schatten der Silberfichten wie ein Panther, in der Nacht verloren. Verloren hatte George auch seine Route und als er im diffusen Licht der Taschenlampe auf die ausgebreitete Karte starrte, um sich zu erinnern, wo er abgebogen sein konnte und wo er sich denn nun eigentlich befand, wurde ihm klar er war im Nirgendwo von Nebraska, doch mehr wusste er nicht. Er murmelte Schimpfwörter wie ein hastiges Gebet und fummelte den Notizzettel mit der herausgeschrieben Route aus der Hosentasche, was einige Akrobatik bedeutete. Die Hosentaschen seiner Jeans, vom langen Sitzen, klebten an seinen Beinen wie eine zweite Haut. Der Zettel zeugte von den Unsicherheiten seiner Reise. Die Städtenamen waren durchgestrichen, der Zettel halb zerfetzt und die Schrift kaum noch leserlich verschmiert. Dennoch war dieses Stück Papier seine einzige Versicherung, welche Route er eigentlich hatte fahren wollen. Er drehte den Zettel um. Plötzlich begann die Taschenlampe zu flackern. Wieder verärgertes Murmeln. Als er Amtsville auf der Liste fand, brummte er: "Aha … da liegt der Hund begraben…" Amtsville war nicht durchgestrichen und das bedeutete er hatte es noch gar nicht durchfahren oder war an einer Abfahrt dorthin vorbeigekommen. Die nächste Stadt auf der Liste war aber abgestrichen, was irgendwie auch nicht stimmen konnte oder hatte er sie vergessen abzuharken? George kratzte sich am Kinn, schaltete die Taschenlampe aus und saß in der Dunkelheit. Was tun? Umdrehen? Er war nicht sicher, was er nun am günstigsten unternehmen konnte, ohne sich noch mehr in diesem Nirgendwo in Schatten zu vergraben. Linda … sie wird's wissen … ich bin viel zu durcheinander. Es war ihm eine Genugtuung diese verdammte Karte, die nicht zum ersten Mal zu lügen schien, zusammenzuknüllen und auf den Beifahrersitz zu verbannen. Er rekelte sich vom Fahrersitz hinüber zum Ablagefach, wo er sein Handy hineingelegt hatte. Die Klappe klemmte wieder einmal. Nun ja der Wagen war mehr als 20 Jahre alt, ein Sammlerstück und sein Hobby, neben anderen. Er schlug fest gegen das Blech der Klappe, die quietschend seiner Gewalt nachgab und aufflog. Das Licht im Fach schimmerte wie eine alte Öllampe und dort lag die einzige Verbindung zu seiner Frau. Als er schon fast das Handy mit den Fingern umschlossen hatte, wurde er plötzlich von einem donnernden Dröhnen und gleißendem Licht in eine Welle von Angst geschleudert. Er drehte sich um, starrte genau in das Licht der riesigen Scheinwerfer… Er wollte schreien, doch da preschte der Truck mit mehr als 110 Meilen die Stunde vorbei, der Motor ein rollender Donner in der Nacht; ein Heulen, da die Hörner ein langes Hupen ausstießen. Zwischen dem Frightliner und dem T-Bird mochten gerade mal 10 Zentimeter Freiraum sein. Der Containerauflader preschte vorbei, wie ein Zug und George starrte ungläubig und völlig verwirrt aus dem Seitenfenster. Innerhalb eines Augenblicks waren die Rücklichter ein rotes verbleichendes Schimmern und der Spuk vorüber. Erst jetzt wurde er sich bewusst das er die Lippen zusammenpresste und mit einem Seufzen entwich ihm die angestaute Luft. Der bleierne Geschmack von Angst auf seiner Zunge ließ ihn erschauern. Er glaubte das Kreischen von Reifen und Knirschen von zerschmetternden Metall zu hören, was nur der Fluch der Erinnerung war. Als Kind war er im Urlaub mit seinen Eltern und seinem Bruder verunglückt und er, der einzige Überlebende hatte an dem Grab seiner Familie gestanden und nicht glauben können, wie plötzlich alles ein Ende fand auf dieser Welt. Das Handy; anrufen, erinnerte er sich er benommen und saß noch eine Weile still auf dem Sitz, als wäre er eingeschlafen. Es konnten mehr als zehn Minuten sein, vielleicht auch weniger, als er endlich sich erneut herüber rekelte und das Mobiltelefon aus dem Fach holte, den grünen Knopf drückte, der das Display beleuchtete. Kurz fürchtete er das rechteckige Icon mit den Buchstaben LOW würde aufblinken und das Akku wäre wie auch die Batterien der Taschenlampe kurz vor dem Aus, doch dem war nicht so. Erneut seufzte er. Ein Schreck folgte dem nächsten: Das Zeichen für Netzsuche leuchtete scheinbar ewig und er war kurz davor das Handy auf den Beifahrersitz zu schmeißen, als READY erschien. Mit zitternden Fingern tippte er die Nummern; erst zu schnell, dann nach erneuten Versuch hörte er wie die Verbindung aufgebaut wurde. Ein Klickern, dann das Freizeichen. Ein weiteres Seufzen und als scheinbar niemand abnehmen wollte, begann er nervös mit der freien Hand, nach seinen Zigaretten in den Taschen des Hemdes zu fummeln. Dann ein Klick und ein Piepen. George wusste was nun folgen sollte und drückte wütend auf OFF um das Gespräch zu beenden. Traurig nickte er. Es musste mehr als drei Stunden nach Mitternacht sein und sie hatten um Zehn abends das letzte Mal telefoniert und sich eine gute Nacht gewünscht. Er wollte nicht ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter hören, weil das zu viel war und außerdem bestand keine Notwendigkeit sie am Morgen mit einer hinterlassenen Nachricht zu verunsichern. Er musste sich selbst beruhigen und dann würde er einfach weiter fahren. Hier in der Dunkelheit wollte er nicht schlafen. Der Wagen war warm, doch wer konnte ihm versichern das der nächste Truck dieses Mal ihn nicht über den Haufen fegte? Wieder kribbelte seine Wirbelsäule und das Grauen der Erinnerung an den Unfall ließ seinen Magen krampfen. Er kurbelte sein Fenster runter, um ein wenig Luft zu schnappen und versuchte sich zu beruhigen. Es war alles halb so wild, jeder konnte sich verfahren und er war nun schon so lange unterwegs, da war die schlechte Laune kein Wunder. Ein wenig abschalten, dann mit ruhigen, gefassten Kopf die ganze Sache noch einmal überdenken, das war alles. Er registrierte etwas erstaunt das er bereits eine Zigarette angesteckt hatte und gedankenverloren paffte. Er inhalierte nun bewusster und versuchte ruhig zu werden. Es schien zu helfen. Ihm fiel ein, das er ja sein neues Audiobook, "Dracula" auf Kassetten überspielt hatte und die in seinem Koffer hinten im Kofferraum sich befanden. Warum nicht der Geschichte ein wenig lauschen, zu Ende rauchen und dann einfach weiter fahren? Alles würde schon in Ordnung kommen. Überzeugt nickte er, stieg aus und streckte sich, wie ein Schlafender. Das tat gut. Das ewige Sitzen machte einen fast krank und die Luft war frisch. Er trat die Zigarette auf dem Asphalt aus, um die Frische ganz in sich aufzunehmen und versuchte jeglichen Gedanken zu verdrängen. Es gelang nicht gleich und er erinnerte sich an die vielen Sitzungen beim Psychotherapeuten, der das Trauma und die Selbstbeschuldigungen, die ihn befallen hatten, versucht hatte zu kurieren. Am Ende war George damit zu recht gekommen, dennoch war die Vergangenheit wie Narben in seinem Nervenkostüm geritzt und diese konnten von Zeit zu Zeit nachbluten. Das Leben war damals eine einzige Tortour und sein Tagesablauf nur noch mit wenigen Worten zu umschreiben: schlafen, essen, arbeiten. Er hatte nicht die Kraft aufbringen können zu vergessen und jede Nacht war von Alpträumen verflucht gewesen und immer die gleichen Szenen. Der Tod schien ihn zu verfolgen. Einen Monat später starb seine beste Freundin bei einem Feuer in einem Einkaufszentrum. Damit hatte er alles verloren und war nahe daran gewesen sich in seinen Wagen zu setzen und einfach so lange zu fahren, bis er den Mut aufbrachte das Lenkrad nach links oder rechts zu schleudern um gegen eine Mauer, einen Baum oder irgend etwas anderes zu krachen. Aber der Geist in ihm, der das Leben als unersetzliches Geschenk betrachtete, setzte sich schließlich durch und in einer Blitzaktion kündigte er den Job, packte alle Habseligkeiten und fuhr davon. Im Kofferraum waren seine Habseligkeiten für diese Reise nichts weiter als ein Koffer voller T-Shirts, Hosen, Hemden, ein Anzug und Unterwäsche sowie die drei Kassetten mit dem Audiobook. Mit einem ritsch! zog er den Reisverschluss der vorderen Seitentasche des Koffers auf und fühlte nach den Kassetten. Als er sie in der Hand hielt stieg in ihm eine Freude auf, wie schon lange nicht mehr an diesem Tag. Es war ein wenig wie die Vorfreude auf ein schönes Geschenk oder eine Überraschung, von der man nur wusste, heute würde sie einem offenbart. Schnell machte er die Seitentasche zu und ließ die Kofferraumklappe runter bumsen. Der dumpfe Ton wurde verschluckt. Schockartig schlich sich ein Hauch von Angst in die Knochen und die Gedanken sprangen Zickzack. Zu erst wurde ihm klar, wie verkrampft er plötzlich war und dem folgte das Gefühl was ihn erst in diese Starre hatte gleiten lassen: Ihm war als ob etwas oder jemand in seiner unmittelbaren Nähe lauerte. Vielleicht im Gestrüpp jenseits der Strasse, vielleicht auch dort in den Schatten der Kurve, wo vorhin der Truck aus der Dunkelheit gedonnert kam? Vielleicht war es aber auch nur die Übermüdung oder der Stress. Unleugbar war jedoch das Gefühl das er beobachtet wurde. Ihm wurde flau im Magen, dann ein leichtes Zwicken, dem ein fast unüberwindbarer Schwall von Angst folgte. Es war schließlich an der Tagesordnung, das Reisende nicht mehr aufgefunden wurden. Die Nachrichten waren verflucht von Meldungen über Vermisste und anderen Gräueltaten. Es geschah jeden Tag, jede Nacht, irgendwo auf dieser Welt. Irre, Verrückte, Ausgetickte und wie sie noch alle hießen, waren nicht selten, sondern, so schien es im täglichen Spiegel des Zeitgeschehens eine dauernd zunehmende Gefahr. George schnappte nach Atem und versuchte den Anflug von Panik und den Drang sich herumzudrehen und zu schreien, wer auch immer da sein möge, solle wenigstens den Mut haben sich zu zeigen, zu widerstehen. Sein Psychotherapeut hatte ihm bescheinigt, das solche Attacken zu seinen nicht völlig geheilten Narben der Vergangenheit gehörten. Die erste Zeit nach dem Unfall, hatte er sich gar nicht mehr aus dem Haus getraut, da die Angst Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden ihm jeglichen Gedanken nahm und Tag wie Nacht ein Schatten um ihn lauerte. Fast um sich halt zu geben, krampfte er die Kassetten fest. Ohne sich nach links oder rechts zu wenden stand er da, blickte im rötlichen Schein starr auf das dunkle, rostbraune Stahl des Kofferraums und versuchte einen Punkt zu fixieren. Linda wäre in diesem Moment, hätte sie ihn gesehen, gekommen und hätte ihn in den Arm genommen. Sie war so feinfühlig für seine Schwankungen und wohl der einzige Halt in dieser Welt der ihm geblieben war. Aber das hier musste er allein überstehen. Als die Sekunden verrannen begannen die Gedanken einen neuen Mittelpunkt zu finden um den sie unruhig kreisten. Amtsville, immer wieder dieser Name des kleinen Nests mit dem seine Panik begonnen hatte und das der Grund für diese schreckliche Nacht zu sein schien. Irgend etwas, so wurde ihm nun klar, schien dieses Amtsville zu bedeuten. Nicht bloß der Name der Stadt. Es war, wie ihm der Fluss der wirren Gedanken Glauben machte, ein Stein im Fundament seiner Vergangenheit. Je mehr er versuchte sich Klarheit zu verschaffen, desto fehlgeleiteter waren seine Gedanken. Unvermittelt glaubte er sich an Gesichter zu erinnern, die keine waren. Nur die Umrisse in seinem geistigen Auge. Schatten, wie alles, was er verdrängt hatte. Warum auch immer alles nun in ihm aufwallte? George schien nahe daran, sich zu verlieren . . . Er glaube nun Stimmen zu hören. Da war die Stimme, die erste die ihm richtig bewusst wurde. Die Stimme seines Bruders Danny. Danny war sechs Jahre älter als er gewesen und zur Zeit des Unfalls hatte er das College besucht. Dannys Stimme schien ihm etwas zuzuflüstern, doch je mehr er versuchte dieses Murmeln zu entschlüsseln, desto unverständlicher wurde es. George schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und als er glaubte diese Wirrungen abgeschüttelt zu haben wurde ihm bewusst, das er sich wieder in seinem Wagen befand. Die einzigen Stimmen die um ihn waren, kamen aus den Lautsprechern: Er hatte die erste Kassette eingelegt. Gleichwohl mochte er sich nicht erinnern dies gemacht zu haben. Genauso wie du dich nicht erinnerst durch Amtsville gefahren zu sein! Hier schien mit ihm etwas zu passieren. Schnell machte er den Kassettenrecorder aus und versuchte den Gedanken zu fassen. Immer wieder flüsterte er den Namen dieses Ortes, versuchte ihn in allen erdenklichen Arten der Betonung zu ergründen und hoffte das dieses blitzartige Gefühl der Erinnerung, mit dem ein dunkles Kribbeln einher ging ihn heimsuchte. Amtsville schien ein Schlüssel zu einer Tür in seinem Innern zu sein. Ein Gefühl, als ob jegliche Realität ihre Bedeutung verlor ergriff ihn. So saß er mindestens eine halbe Stunde in der Dunkelheit in seinem Ford, flüsternd, als würde er ein düsteres Ritual vollziehen oder mit Toten sprechen. Er hoffte Erinnerungen in Form von Bildern würden in ihm entstehen und er würde nun wenigstens einen kleinen Blick hinter die Schwaden der Vergangenheit werfen können. Trotzdem blieb er erfolglos. Das Einzige, was sich in ihm festsetzte war das Gefühl, das er an einem Wendepunkt stand. Etwas Fürchterliches würde geschehen, wenn er nicht das Richtige tat. Doch was war denn das Richtige? Wieso fürchtete er sich nun mit einem Mal vor der Nacht? Warum litt er seit dem verstimmen des Motors an solchen Heimsuchungen, dass er glaubte beobachtet zu werden oder sich einfach nur um sein Leben sorgte? Er ertappte sich bei dem Gedanken den Motor des Wagens anzuschmeißen und zurück zu fahren. Sein Ziel war klar, doch traute er sich nicht dies auch offen auszusprechen. Die Zeit hier in der Dunkelheit wirkte zeitlos. Er vermochte nicht zu sagen, wie lang diese Tortour des unruhigen Gedankenwandels schon anhielt. Um überhaupt etwas zu tun, als fast reglos in seinem Sitz zu schmoren, die Gedanken ihre Spiele spielen zu lassen, drehte er an der Kurbel des Sitzes, um die Lehne nach hinten zu fahren. Erst klemmte das Ding, wie vorher die Klappe des Ablagefachs gestreikt hatte, dann funktionierte es. Als er die Augen zu machte, die Lehne nach unten klappte, bis sie an der Sitzfläche der Rückbank lehnte, geschah es: Ein gleißender Schmerz bohrte siedend heiß durch seinen Kopf. Eine Stimme begann zu sprechen. Das Gefühl gefesselt zu werden drängte sich in sein Bewusstsein und er zuckte und zitterte. Die Stimme wirkte steril, professionell, gefühllos. Die Worte waren wie der Singsang des Todes, ohne irgend welche richtigen Sätze. Fetzen, die ihm nur noch mehr verwirrten, Schmerzen auflodern ließen. Er versuchte sich gegen die Fesseln zu wehren, gegen die Schmerzen, die an seinem Armen bissen. Dann wurde klar, diese Worte hatten sehr wohl eine Bedeutung. Der Schrecken der dieser Erkenntnis folgte war total. Es waren Namen! Die Stimme aus dem Nichts brüllte ihn an. Spuckte Namen hervor, die zugleich den Befehl einer Antwort seinerseits verlangten. Sollte er diese Personen kennen? Dann war es vorbei. Ein Alptraum dessen Gewalt einem Erdbeben gleichkam, das unvermittelt und mit aller Stärke alles erschütterte, woran George Willow jemals geglaubt hatte. Sein Leben zersprang augenblicklich in tausend Scherben. Er schnappte nach Luft, schoss von der Lehne hoch, kerzengerade, fummelte nach dem Schlüssel am Schloss. Der Motor sprang an, ein dumpfes Grollen. Ruppig und entschlossen schaltete er in den ersten, gab Gas. Der T-Bird vollzog eine 90 Grad - Wende. Gleichzeitig blitzten die Scheinwerfer durch die Nacht, als suchten sie nach etwas. Georges Gesicht wirkte leer, er schien jeglichen Gedanken verloren zu haben. Mit einer Hand am Lenkrad, mit der anderen an der Kurbel drehte er solang, bis die Lehne an seinen Rücken reichte. Dann steckte er sich eine Zigarette an. Noch fuhr er langsam, doch dies sollte sich in den nächsten Minuten ändern, da der Drang zur Eile zunahm. Amtsville fehlt noch auf meiner Liste, dachte er benommen. Sie konnte nicht ahnen, das sie einen nicht wieder gut zu machenden Fehler beging, als sie in jener Nacht am Straßenrand ihren Finger ausstreckte, in der Hoffnung ein Wagen würde halten, sie mitnehmen. Celina war kein Kind gewesen, das von Angst geprägt war, vielmehr war ihr Geist stets von Hoffnung, Neugier und dem völligen Fehlen von Angst gesegnet. Doch manchmal kann der Segen sich in einen Fluch wandeln, wenn die Zeit reif dafür ist. Ihre Reise schien in dieser Nacht nicht von Erfolg gekrönt. Sie war den ganzen Tag nur etwa dreihundert Meilen ihrem Ziel näher gekommen. Mitfahrgelegenheiten waren rar, da in Nebraska reisen per Anhalter unter Strafe verboten war und kaum einer das Risiko auf sich nahm. Sie jedoch, mit ihrem Aussehen hatte es vielleicht leichter als manch Anderer, der sein Glück versuchte. Sie hockte auf ihrem lädierten und verbeulten Koffer, als die Scheinwerfer plötzlich aus der Nacht heraus stachen. Schnell stand sie auf, hielt ihren Daumen raus, ließ ihn auf und ab gehen. Die Scheinwerfer glitten in einem Zickzack durch eine S-Kurve, wie ein zwinkerndes Augenpaar eines Raubtieres, das seine Beute entdeckt hatte. Mit jedem Meter, den sich das fremde Fahrzeug näherte, hämmerte mit einem Mal ihr Herz schneller. Eine innere Erregung, nicht Angst, sondern Unsicherheit ergriff sie. Es war ein Ziehen, wie Muskelschmerz. Sie fuhr durch ihre langen Haare, sog die laue Sommerluft ein und versuchte das Gefühl ab zuschüttelten und setzte eines ihrer überzeugendsten Lächeln auf, mit dem sie in einer Bar jeden ermunterte ihr einen Drink zu spendieren. Mit zusammengekniffenen Augen, vom gleißenden Strahl der fremden Scheinwerfer dazu gezwungen, starrte sie in eine Wand aus purem Licht. Der Motor des Fahrzeugs war ein leises Säuseln, noch etwa zweihundert Meter entfernt. Der Wagen bremste ab. Innerhalb eines Augenschlags brach über sie eine dunkle Ahnung herein. Sie schluckte hart, versuchte ihr Lächeln zwanghaft aufrecht zu erhalten und konzentrierte sich nur noch darauf hinter die Wand der Scheinwerfer einen Fahrer erblicken zu können. Im gleichen Augenblick war dieser letzte Angriff ihres Unterbewusstseins vorüber und nur noch eine dunkle Erinnerung, wie ein Alptraum, dem man mit dem Erwachen vergisst, nur noch sich erinnert, schlecht geschlafen zu haben. Als die Kühlerhaube nur wenige Schritte von ihr entfernt war, nahm die Geschwindigkeit jedoch unvermutet zu, der Motor heulte kurz, die Räder schmirgelten wie eine Fräse über den Asphalt, Steine wirbelten. Der Wagen rauschte vorbei. Celinas Daumen ging weiter auf und ab. Ihr Gesicht war von verdutztem Staunen geprägt, als die Rücklichter ihr nun entgegenleuchteten, wie dunkle Rubine. Dann, ein rotes, noch stärkeres Glimmern, als die Bremslichter aufblitzten. Der Motor verfiel wieder in ein Seufzen. Abermals wirbelten Kiesel, bis die Reifen schließlich nichts mehr fanden, was sie schleudern konnten und das Fahrzeug hielt. Noch immer war Celina nicht im Stande zu erkennen, wer dieses Auto steuerte. Wieder wallte kurz Unbehangen in ihr auf, aber der Gedanke weiter in dieser Nacht allein am Straßenrand zu stehen schmeckte ihr auch nicht. Trotz allem Optimismus, man durfte die Gefahr nicht unterschätzen. Sie musste diese Gelegenheit nutzen. Sie zog nochmals die Luft tief in die Lungen, gab sich einen Ruck und ergriff ihren Koffer. Kiesel knirschten unter ihren Turnschuhen. Nach wenigen Schritten konnte sie das Heck des Autos ausmachen, nun war es kein Schemen mehr in einem Meer aus Schatten. Das rote Licht warf einen blutigen Schein auf ihr Gesicht, während sie versuchte das Kennzeichen einzuordnen. Sie grübelte über die Herkunft des Fremden, als die Stimmen an ihr Ohr klangen. Zuerst war da eine dunkle, monotone Stimme. Ab und zu wandelte sich der Ton. Sie zuckte mit den Schultern, lief ein wenig schneller als gewollt zur Fahrertür. Das Fenster war völlig herunter gekurbelt und die Stimmen kamen offenbar vom radio, das ziemlich laut aufgedreht war. Offenbar eine Erzählung, also ein Hörbuch, das da aus den Lautsprechern hallte. Der Fahrer wirkte erschlagen, matt und müde. Wahrscheinlich war er selbst schon ewig gereist. Die Augen, die sie anblickten schienen von Müdigkeit geweitet und das Lächeln, das er hervor brachte war kaum als eines zu bezeichnen. Dennoch wirkte er freundlich, nicht im geringsten bedrohlich. Einmal abgesehen davon, das er nichts sagte, sie nur betrachtete, verstand sie die Sorgen nicht, die ihr durch den Kopf gegangen waren. Ohne das Radio leiser zu drehen, fragte er: " Warten sie schon lange auf einen, der vorbei kommt? Ziemlich menschenleere gegen hier, nicht?" Die Stimme des Fremden trug eine Spur Besorgnis in sich, die irgendwie falsch wirkte. Oder spielte ihr Unterbewusstsein nur wieder dieses Spiel der Angst? Sie lächelte ihr besonderes Lächeln und nickte. Hatte sie zuvor noch gewusst was sie sagen würde, ein freundliches Hallo, welche Richtung fahren Sie denn, so war sie sich nicht sicher, was nun folgen sollte. Ihr Worte waren verflogen. Noch immer spielte die Kassette dieses Hörspiel oder was genau es auch sein mochte und noch immer betrachtete sie der Fremde. Unbehagen schlich sich ein, der Koffer schien unhandlich, klobig und schwer zu sein. Celina machte einen Schritt zurück von der Tür, als der Fremde anstallten machte auszusteigen. Die Tür klickte sanft ins Schloss und das Lächeln des Fremden versicherte ihr, das alles in Ordnung war. Sicher nur Müdigkeit und Scheu, schließlich war sie ja auch für ihn jemand Unbekanntes. Ohne weiter was zu sagen, beugte er sich vor, nahm ihren Koffer. Sie folgte ihm, selbst nicht sicher, was sie denn sagen könnte. Als der Kofferraum aufsprang sah sie seinen kleinen Koffer, das Reserverad, den Erste Hilfekasten. Er platzierte den Koffer neben seinen und drückte den Kofferraumdeckel wieder ins Schloss. "Das ist ein 77er T-Bird, der braucht seine fürsorgliche Behandlung." Sie hielt ihm ihre Hand hin. "Mein Name ist Thompson. " Wieder ihr Lächeln. Seine Hand war kühler als seine, aber nicht grob. "Willow, George Willow" Sie folgte ihm zur Beifahrerseite, wo er ihr die Tür aufhielt, bis sie eingestiegen war. Die Kassette spielte noch immer, das Leder knirschte, wie der Schnee unter den Schuhen im Winter, wenn sie zur Arbeit ging. Erst jetzt wurde ihr klar, das die Nacht doch kalt geworden war und sie leicht gefroren hatte. Ihre Arme kribbelten von Gänsehaut. Die Fahrertür ging auf und Willow machte es sich hinter dem Steuer bequem, lächelte wieder. Verlegenheit schien beide ein wenig zu erfassen. Ihrerseits das alleine sein gewöhnt war es ungewohnt auf dem Beifahrersitz in einem fremden Wagen zu sitzen. George spielte verlegen mit den Fingern am Lederband des Lenkrads herum, sie selbst starrte aus der Windschutzscheibe. Ein Klick, als das Radio die Kassette wendete. "Oh, stört sie das?" Sie blickte ihn an. "Nein, nein. Keineswegs." Er schaltete den Rekorder dennoch aus. "Wenn man allein reist, das ist das immer gut. Ich hab `ne Sammlung von Audiobooks, mehr als hundert zwanzig Stück." Sie lächelt ihn an. Nicht mehr das Verlegenheitslächeln, sondern ihr frisches, offenes und meint: "Kann ich verstehen. Lesen Sie auch viel?" "Oh nicht doch, sagen sie George. Und ja, ich lese viel. Doch die Zeit ist leider immer sehr knapp." "Celina" sagte sie. "Dann für sie aber auch Celina" Dieses Mal gibt er ihr die Hand. "Ok, nett sie kennen zu lernen, Celina" "Gleichfalls. Wie lange sind sie schon unterwegs." Fast im gleichen Augenblick als sie den Satz hervor brachte bereute sie es. George Willow wirkte plötzlich ganz anders, als der freundlich, nette Helfer. Die Augen zuckten kurz. Oder fantasierte sie? Nein ganz sicher, fast als ob ein kleiner Elektroblitz ihn durchzuckte. Sie fühlte sich an ein Ereignis aus ihrer Kindheit erinnert. Es war an einem der vielen Tage im Sommer gewesen, wo sie mit ihren Eltern jeden Nachmittag spazieren gegangen war. An einen Weidenzaun war sie gestürzt und hatte versucht sich am Zaun hochziehen, als die Ladung durch sie gezuckt war. Genauso mussten ihre Augen gezuckt haben, wie die von Willow. Nach weniger als zwei Augenblicken, mehr hatte ihre kurze Erinnerung und das komische Zucken nicht gedauert, sagte er: "Na ja, stressige Fahrt. Bin mehr als siebenhundert Meilen unterwegs, seid heute früh um 4 Uhr." George kuppelte, gab Gas. Der Motor wurde etwas lauter, Wind wehte vom Fahrerfenster herein. Er schaltete in den zweiten Gang, sie betrachtete ihn noch ungläubig, als der Baum unter dem sie wartend gestanden hatte in der Finsternis verschwand. "Alles okey?" fragte er. Sie konnte nur nicken, denn plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob ihr Unbehangen wirklich so völlig grundlos über sie herein gebrochen war. Er schien verwirrt, denn schon drosselte er die Geschwindigkeit wieder. "Sind Sie in Ordnung?" Celina versuchte in seinen Augen eine Spur von Falschheit zu erkennen, doch da war nix. "Celina, nur Celina, ok?" Dieses Mal war ihr Lächeln nicht so erfolgreich, denn er wirkte nicht ganz überzeugt und nickte nur langsam. Nichtsdestotrotz fuhr er wieder schneller. Das Gestrüpp und die Fichten und Tannen zogen vorbei, die laue Nachtluft wirkte beruhigend. Sie versuchte nicht weiter drüber nach zu denken und bemerkte nun selbst, wie müde und kaputt sie war. "Wohin geht es denn?" machte George sich nach einiger Zeit des Schweigens wieder bemerkbar. Sie war fast eingenickt. Celina war sich nicht sicher warum, aber sie sagte nichts und ließ die Augen geschlossen. George verstand, das sie wohl schlief und sagte nichts mehr. Nicht mal mehr als eine halbe Stunde und sie war wirklich eingeschlafen, ihre Sorgen vergessen.
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Montag, 11. Dezember 2017
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Die Schatten von Amtsville
Kurzgeschichten
Kategorie: Entdeckt
Erstellt von: Badfinger
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Seit 25.10.2011
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