SHADOW ON THE SUN

1

Er lief auch Tage danach noch die Straßen entlang. Seine Augen strichen über die leeren Häuser, über Fassaden und bleiche Fenster, über abgedeckte Dächer. Doch all die Verwüstung kam nicht im Geringsten der in seinem Herzen nah. Er hatte keine Tränen mehr, die die Wangen hinab gleiten konnten, er war ausgebrannt und leer. Sein Leben schien verwirkt und er war bereit zu gehen, es war nur die Frage wohin. Ein alter Mann rief ihm zu. Er saß dort in all den Trümmern, ein Einkaufswagen lag umgestürzt neben ihm. Mit den Schuhen stand er in einer öligen Pfütze, doch das schien ihn kaum zu kümmern. Als er neben dem Fremden innehielt und wartete was er zu sagen hatte, entdeckte er in der Sonne den ersten Schatten, ein kleines schwarzes Mahl, ein Bote der Finsternis. „Sohn. Sei froh dass du es überlebt hast!“ Er wusste nichts zu sagen. Er schluckte und sein Blick kehrte zur Sonne zurück. Das schwarze Loch war am äußersten Rand. Es war wie ein Schatten, ein Schatten in der Sonne, das Licht zerfressend. „Wie kann ich froh sein? Ich habe alles verloren: Liebe, Familie und Hoffnung!“ Was wusste dieser Mann von seinem Leben? Wie konnte er verstehen, was es hieß in wenigen Augenblicken alles zu verlieren, die Essenz des Lebens weggeweht, verschluckt und verloren. „Denk nach… dann wirst du verstehen was ich meine.“ Plötzlich riss der Alte an seiner Jacke, zog ihn dicht vor sein Gesicht und hauchte: „Samuel, dein Weg wird steinig sein. Doch die Schatten wachsen. Erst einer, dann Dutzende und zuletzt nur noch Dunkelheit! Reiß dich zusammen Junge!“ „Woher… wissen Sie meinen Namen?“, stammelte er. Doch der Alte schien kein Interesse mehr zu haben, noch irgendetwas zu sagen. Er starrte nur vor sich hin. Samuels Blick wanderte wieder zur Sonne. Der kleine Punkt schien gewachsen zu sein, wenn auch kaum wahrnehmbar, so war er sich doch sicher, dass es voranschritt. Was auch immer es war. In der Nacht hatte der Tornado sein Leben mit sich gerissen. Mel, seine Frau und Tochter Alice in Trümmern vergraben. Am Morgen hatte er ihre leblosen Körper unter dem Geröll hervor gezerrt. Sie lagen neben ihm und er konnte nur noch weinen. Anderswo das gleiche Bild: Familien zerstört, Leben ausgelöscht. Das Schlimme war nur, er hatte gewusst dass es kommen würde! Er hatte es gespürt! Das war nun vier Tage her. Er wanderte die Straßen entlang, trug seinen Schmerz mit sich und hatte einfach versucht nicht mehr zu atmen. Aber irgendetwas in ihm ließ ihn dann doch wieder nach Luft schnappen. Und jetzt hatte er den ersten Schatten in der Sonne entdeckt. Alles schien wahr zu werden, die Ahnung wurde zur Realität und das Ende war gewiss, auch wenn er es nicht kannte oder zumindest verdrängte. Gegen Mittag, als die Sonne fast am höchsten stand, erkannte er einen neuen Fleck. Am oberen Rand, klein, fast unbedeutend, aber dennoch besorgniserregend und mit dem bloßen Augen mühelos erkennbar. Er hatte sich auf das Dach der Schule verzogen. Neben ihm lag eine offene Packung Oreo-Kekse und eine Flasche Orangensaft hatte er zwischen die Beine geklemmt. Weiter runter die Straße begannen die Aufräumarbeiten. Polizei und Räumungsfahrzeuge lagen wie verstreute Spielzeuge in der Landschaft. Links, der Schule gegenüber, hing ein weißer Pontiac halb zerschmettert in einer Baumkrone. Die Schule hatte fast nichts abbekommen und war weit und breit das höchste Gebäude in der Siedlung. Samuel beobachtete und schüttelte den Kopf. Es konnte nicht sein, aber wenn er den Blick auf den heißen Sonneball richtete, fielen die beiden schwarzen Flecke ihm sofort ins Auge. „Nein, nein… Es darf nicht sein! Bitte…“, flehte er. „Hey, Sie da oben! Alles in Ordnung?“ Samuel blickte nicht hinab, versuchte den Störenfried zu ignorieren. Doch das war nicht so leicht. „Ich fragte ob Sie O.K. sind?!“ „Ja, ja… alles Bestens!“ spuckte Samuel. „Sieht mir nicht so aus. Lust auf Gesellschaft?“ Jetzt sah er doch hinab. Der Kerl hatte ein schwarzes Hemd halb aufgeknöpft über seinen dürren Körper geworfen, eine zerrissene Jeans, halb offene Turnschuhe und wirkte wie ein gelangweilter Skateboarder. Samuel musste lächeln, als er entdeckte, dass der Typ wirklich eins mit sich schleppte. Er mochte gerade mal Anfang Zwanzig sein. „Ich komme hoch.“, erklärte er. Samuel biss missmutig in einen der Oreo-Kekse. Einst seine Lieblinge als kleiner Junge, waren sie ihm jetzt doch ein wenig zu süß. Aber was Anderes hatte er nicht auftreiben können und allein schon wegen der Erinnerung waren sie ihm lieb gewesen. Es dauerte einige Augenblicke, bis der Skateboarder neben ihm sich fallen ließ und einfach gerade aus starrte. Dann schien er sich zu erinnern, dass er nicht allein hier oben war und drehte sich Samuel zu. Er streckte ihm die Hand hin: „Stevie, Sir.“ „Sam.“ Samuel wusste nicht so recht, mit diesem Sir etwas anzufangen. Außerdem passte das so gar nicht zur Kategorie Jungspund mit halsbrecherischer Skateboardleidenschaft. „Es ist doch OK, dass ich auch hier oben sitze?“ Die Stimme des Jungen wurde von Tränen geschüttelt und dann brach es aus ihm heraus. Samuel saß einfach nur da und wartete. Es würde vorbeigehen. Schmerz machte immer neuem Schmerz platz, so hatte er erfahren müssen.

2

Schließlich legte er doch den Arm um den Jungen. Er wusste nicht zu sagen, wer wem hier Trost spendete, aber es tat unglaublich gut, Jemand neben sich sitzen zu haben und zu sehen, dass es doch irgendwie weiter ging. „Steve, es wird wieder. Glaub mir.“ Nun gut, er glaubte nicht direkt an die Worte, aber was sollte er sonst sagen? Sein Blick glitt wieder zur Sonne, für einen Moment von der Hoffnung erfüllt, dass er sich nur täuschte. Doch dem war nicht so. „Ja… vielleicht.“, schluchzte Steve. Er wischte sich die Tränen aus den Augen, versuchte es mit einem Lächeln, was nur noch mehr Mitleid in Samuel aufkommen ließ und seufzte. Dann saßen sie einfach nur so da. Von links und rechts hörten sie Motoren, Gerätschaft und die Feuerwehrmänner und anderen Rettungskräfte, die versuchten dem Chaos Herr zu werden. Doch irgendwie schien das alles unbedeutend. Die zwei Schatten am Sonnenball sogen scheinbar jede Hoffnung in Samuel auf.
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Kategorie: Words In Progress
Erstellt von: Badfinger
Veröffentlicht am: 02.10.2006 14:28
Geändert am: 02.10.2006 14:29
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