DIE KAMERA

Dort auf der Straße stand sie mit einem Gesicht voller Tränen und hielt das Paket. Sie stand im Regen, an einem stürmischen Montag in einer Welt voller Leid. Sie war eine Wächterin, aber es gab nichts, das sie beschützen konnte, niemand um den sie sich sorgen konnte. Sie war allein mit ihren Tränen und als sie das Paket öffnete, überkam sie ihre Ängste, diese Erinnerungen, solch Augenblicke ihrer verdammten Vergangenheit. Sie hatte nichts zu verlieren. Also nahm sie die Kamera und begann die Straße, zwischen den Häusern entlang zu wandern und erhaschte Blicke in anderer Leben, um zu sehen, was noch übrig war in dieser Welt. Der erste, dem sie begegnete war ein unschuldiges Kind, das sich in der Dunkelheit zu verstecken suchte. Sie sah die einsamen Augen, und als sie näher kam, konnte sie ihre Blicke nicht von dem zerschundenen Körper abwenden. Überall Narben, die das Kind entstellten, Prellungen und Blut und alles, was der Junge sagen konnte war: "Bitte! Nicht schon wieder!" Sie schoss das Bild. Im gleichen Augenblick spürte sie die Tränen, den Schmerz und unsagbare Angst, vergraben im Herzen des Kindes. Sein Vater schlug ihm, weil er ein Kind war, seine Klassenkameraden jagten ihn, weil er das Kind einer armen Familie war, der Verlierer, der Boxsack für Jeden. Doch sie spürte diesen Schmerz, auch als er davon rannte, so gut er das denn konnte. Er war nun frei und sie hatte ein weiteres Leben verloren. Aber die Reise war nicht zu Ende. Sie wollte nicht weitergehen. Wieso all dieser Schmerz? Da war ein Brief, den sie vorher einfach nicht beachtetet hatte. Er war bei dem Paket gelegen. Nun setzte sie sich auf eine Bank an einer Bushaltestelle, die sie vor dem unablässigen Hämmern des Regens schützte. Lieber wachender Engel. Nun da ich nach dir rufe, ist es nicht für mich, sondern für Andere. Ich habe keine Lust mehr auf ein Leben in dieser Welt. Aber ich will, dass Du meine Kamera nimmst und meine Arbeit machst. Lauf die Straße entlang, hinein in die Gettos und sieh, was ich jeden Tag ertrug. Dann erklär mir, wo ist Gott und was ist ein Engel, wenn es keine Hoffnung mehr gibt, nur noch Schmerz? ICH GLAUBE AN NICHTS UND NIEMAND, NIE WIEDER! Das war alles. Wenn sie noch Tränen in sich hatte, so weinte sie nun, aus der Tiefe ihres Herzens hinaus. Was für ein Leben musste das sein? Geschlagen als Kind, ohne Hoffnung, kein Sonnenschein, nur Dunkelheit und Angst. Die Straße war verlassen. Da waren nur die Wolken, die Regen spuckten. Engel waren keine Beschützer mehr, sie waren verloren, wie die Menschen. Es gab keine Chance, keine Hilfe, wenn Wahnsinn die Welt regierte. Aber sie musste diesen letzten Willen akzeptieren. So stand sie auf und schritt weiter. Später fand sie einen Hund, erschossen. Blut im Regen, seine Augen waren so voll Einsamkeit. Sie setzte sich zu ihm, strich durch sein nasses Fell, versuchte ihm einen Bruchteil der Liebe zu geben, die er nie erfahren hatte. Er schien Frieden zu finden, wenn es solch ein Gefühl für einen Hund überhaupt gab. Als der letzte Moment kam, schoss sie das Foto. Es waren seine Augen, die an ihrem Herz zerrten. Wieder dieser Schmerz, wie sie ihn mit dem Jungen erfahren hatte. Aber dieses Mal war da auch Hass. Und nun fühlte sie diese Wut. Sie rannte. An der Ecke stand ein alter Mann. Er rief nach ihr. "Lady, nur einen Penny für einen alten Mann, wie mich!" Sie hielt inne, nahm die Kamera, erschoss ihn mit begleitet vom Blitzlicht. Im gleichen Moment spürte sie die Spucke im Gesicht, wie er sie abbekommen hatte. Sie sehnte sich nach Alkohol, wie er es tat und verstand, wie es kam, dass man sich selbst im Suff ertrinken wollte Sie gab ihm was sie hatte, war glücklich, weil er lebte und nun lächelte. Obwohl sie wusste, er würde sich nur noch mehr Whiskey und Beer ertränken und Tage später erneut um einen Tropfen betteln. Noch immer flammte die Wut in ihr. Sie hetzte nur weiter und machte Foto für Foto, schoss wie aus einem Maschinengewehr. Ein Mädchen, sie war vergewaltigt und geschlagen worden. Wieso? Aber es interessierte Niemanden, es gibt keine Fragen, nur die Wahrheit. Eine alte Frau, sie war einfach krank, aber niemand kümmerte sich um sie. Ein schwarzer Junge mit einer Flinte und ein weißer mit einer Pistole, nur ein bisschen Schießerei für die Abendnachrichten, nichts Neues, nur Realismus, verstehst Du? Immer nur Schmerz und Hass. Leute, wir hassen, wir sind die Hasser, nicht die Gläubigen! Als sie fast zusammenbrach, nach einer Pause sich sehnte, Atem holte, sah sie aus den Augenwinkeln einen Fernseher in einem Elektro- und Video-Shop an der Straße. Nur die Wahrheit war zu sehen, nur der Krieg. Blut ist dicker als Wasser, aber es schien, die Welt zerfloss im Blut. Der letzte Schuss war für sie selbst. Sie stand auf einem Berg, sah hinab in die große Stadt, in eine Welt aus Sorgen und Leid. Als sie das letzte Bild knipste, starb sie, erstochen vom Schmerz und Leid. Auf diesem Berg, dem Berg des gefallenen Engels liegt noch immer das Paket. Heute nacht ist eine neue Nacht, eine neue Gelegenheit Bilder zu machen. Aber wer mag das Gleiche wieder und wieder sehen?
Die Kamera (2007) - mnebeling.blogspot.com
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Montag, 11. Dezember 2017
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Die Kamera
Versuch einer Übersetzung von "The Camera"
Kategorie: Kurzgeschichten
Erstellt von: Badfinger
Veröffentlicht am: 13.03.2005 00:30
Geändert am: 13.03.2005 00:31
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