DER TOD EINES CLOWNS

Ich sah ihn in der Straße stehen, sah seine Augen im Weiß der Maske und konnte nicht verstehen, was geschah. Ich erinnere mich noch an jenen Tag, da ich den Clown sterben sah. Es war ein heißer Sommertag und ich zerrte an der Hand meiner Mutter, während sie versuchte die Auslagen des Modegeschäftes zu betrachten. Es war alles so verwirrend. Sahen die Leute nicht was ich sah? Er stand dort, von einer Traube Kindern umringt, die ihn anspukten, da er sich nicht rührte. Ich konnte es nicht fassen. Mit meinen sieben oder acht Jahren, schien ich zu verstehen, dass dies ein Zeichen der bösen Welt war, die mich dort erwartete, wo Mutter und Vater nicht um mich wachten. So sah ich also hinüber zu dem Clown, dem Gesicht, mit dem gezwungenen Lächeln und der Knollennase, deren lustiger Charme gebrochen war, als eines der Kinder damit begann gegen das Schienbein des Clowns zu treten. Ich wusste, ein Clown war genauso wie der Weihnachtsmann, ein Erwachsener. Wie konnten sie ihn schlagen, treten und bespucken? Was hatte er getan? Ich riss mich von meiner Mutter los. Sie sah mir nach, glaube ich, aber dann war ihr Interesse schon wieder verschwunden. Wahrscheinlich, weil sie dachte, da ist ein Clown, der mich ablenken würde. Unser Leben war auch nicht so sicher wie ich immer glaubte, und jetzt da ich hier in der Kneipe sitze und mich an den Clown erinnere, der an diesem Tag starb, dessen Mission des Lachens mit Händen und Füßen getreten wurde, rinnen mir die Tränen über die Wangen. Für mich war jener Sommertag das dunkle Erwachen und der Zeitpunkt, da ich begriff, dass Andere glücklich zu machen, Aufopferung bedeutete. So war ich also hingerannt und stand dennoch weit ab von den bösen Kindern. Was hatte der Clown in ihnen zum Erwachen gebracht? Die Maske, deren Weiß im Sommerlicht fasst glühte, schien niemals mit dem Lächeln aufzuhören, doch ich sah, dass der Clown schon längst des Lächelns nicht mehr fähig war. Sie spuckten ihn an, rissen an den Luftballons, deren Fäden lustlos auf und ab zuckten. Der Clown bewegte sich nicht und schien dort wie eine Figur in Stein gehauen zu verharren. "Was soll das!?", schrie ich. Die Kinder beachteten mich nicht. Genauso die vorbeistolzierenden Passanten. Da lief ein alter Herr mit Brille an mir vorbei, der mich kurz anlächelte. Wie war das zu verstehen? Sahen sie nicht, dass der Clown starb? Ich konnte es spüren, wie seine lustige Ader versiegte! Seine Tränen hatte er wohl jeden Abend im dunklen Kämmerlein vergossen. Das durfte nicht sein! Ich zwängte mich durch den Pulk der Raufbolde. Vor dem Clown postierte ich mich und alles was geschah, schien so verrückt, dass mir mit jedem Gedanken an jenem Tag, nur noch mehr Tränen über die Wangen rinnen. Das Bier in meinen Händen vermag mich nicht mehr zu befreien. Ich weiß, es ist vorbei. Einer der Raufbolde, ein Rotschopf, mit einer Schramme über der Nase, begann sich nun auf mich zu stürzen. Mit erhobenen Fäusten, einem Mike Tyson markierend, kam er auf mich zu. "Hey, willst paar auf die Fresse?" Ich verzog keine Miene. Die Kinder bildeten noch immer einen Halbkreis. Manche lachten, andere krakelten, und vereinzelt sah ich Verwunderung in den Gesichtern geschrieben. "Lass ihn in Ruhe, er ist ein Clown!", beharrte ich. Kichern folgte und dann der erste Schlag. Ich wich aus, so gut ich konnte, doch traf mich der Hieb am Kinn. Ich schrie nicht, sondern versuchte zu lächeln. Plötzlich kam mir die Idee, dass ich dem Clown nur zeigen musste, wie man lächelt, da mit er wieder den Mut dazu aufbrachte. Erneut holte der Rotschopf aus, dieses Mal lachte ich lauthals, als seine Faust die andere Wange streifte. Der Schmerz schien bedeutungslos. Ich war niemals einer dieser Racker gewesen, die auf Schulhöfen austeilten. Vielmehr der unscheinbare Junge in der Menge. Doch an diesem Tag, bekam ich das erste Mal richtig Dresche. Wenn ich bedenke, dass ich lachte und kicherte mit jedem Schlag, kann ich nur noch müde grinsen. Andere begannen an diesem Spiel Gefallen zu finden und halfen mir blaue Veilchen auf die Haut zu zaubern. Das ging jedoch nicht mehr lange, denn dann plötzlich sackte der Clown hinter mir zusammen. Er atmete schnell und auf den Wangen sah ich Tränen, die das Weiß der Maske schwächten, bis die lederne Haut des Alten darunter durchschimmerte. Die Kinder hielten inne, denn der Clown, er sagte etwas, dass ich nie richtig verstand. Ich will glauben dass er mir dankte, will hoffen, dass ich wirklich verstand, was er fühlte. Wenn nicht, dann bin auch ich bald ein Clown, der stirbt. Vielleicht schon morgen, denn das Lachen hat in dieser Welt kaum noch Platz. Die Worte waren vielleicht: Danke für den Spaß, den wir hatten. Oder einfach: Auf Wiedersehen. Ich weiß es nicht. Nur dass er dennoch, als das Klopfen seines Herzens sich der Stille des Todes fügte, lächelte. Seine Hand mit den Luftballons erschlaffte und sie zogen davon, in die Welt hinaus. Vielleicht, so hoffte ich irgendwie, würden andere Clowns auf dieser Welt dadurch wissen, dass einer seine Mission beendet hatte.
Veröffentlicht auf www.literaturzone.org Der Tod einen Clowns / 02.05.2004 / Shortstory Gesellschaft Bewertung/Kommentare Der Tod einen Clowns (2007) - mnebeling.blogspot.com
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Der Tod einen Clowns
Traurige Story nach dem Oldie "Death of a Clown" von den Kinks
Kategorie: Kurzgeschichten
Erstellt von: Badfinger
Veröffentlicht am: 29.08.2003 00:10
Geändert am: 14.12.2005 09:27
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